Große Aufmerksamkeit erhält derzeit die Provenienz von Objekten aus kolonialen Kontexten, wie etwa die Diskussionen um das Humboldt Forum, das Bekenntnis des französischen Staatspräsidenten Emanuel Macron zur Rückgabe afrikanischer Kulturgüter oder der von ihm in Auftrag gegebene Bericht von Felwine Sarr und Bénédicte Savoy belegen. Die Legitimität der oftmals gewaltsamen Aneignung von »Sammlungsgut« aus außereuropäischen Regionen steht zur Debatte. Während Human Remains und kulturelle Objekte aufgrund ihres Herkunftskontextes in diesem Zusammenhang breit erörtert werden, spielen Manuskripte in der Diskussion bisher erstaunlicherweise kaum eine Rolle. Dabei stellen auch diese materielle Objekte dar. Ihre Aneignung unterscheidet sich deshalb nicht prinzipiell von anderen Fällen wie etwa der Nofretete oder den Benin-Bronzen.
Die sie betreffende Leerstelle ist dabei umso bemerkenswerter, als der Kult der Schriftlichkeit, und damit des Manuskripts, als konstitutiv für die Entwicklung des kolonialen Blicks angesehen werden kann. Lange wurde Schrift(-lichkeit) in Europa mit Kultur und Geschichte gleichgesetzt: Wer sie nicht besaß, gehörte zu den »Völkern ohne Schrift und Geschichte«, die man als primitiv und unzivilisiert ansah.i Letztere waren aber wiederum zentrale Markierungen in der Legitimation kolonialer Unterwerfung.

Beispielabbildung eines Papyrus

Papyrusfragment »Beschwerde über
einen korrupten Beamten« Edfu, 820/822 n.Chr.
Papyrus 45,5×14 cm Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von
Ossietzky, Sign. P. Hamb. arab. 2 recto
https://resolver.sub.uni-hamburg.de/kitodo/HANSh975 CC BY-SA 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de zugeschnitten

Doch auch vor »Völkern mit Schrift« machte die europäische Macht- und Wissensexpansion nicht halt. Unterschiedliche »Schriftkulturen« wurden verschieden bewertet, was ebenfalls zur kolonialen Legitimation beitrug. Die Verbindung von kolonialem Wissen und kolonialer Macht galt somit auch für die Philologie als »Leitwissenschaft«ii (Markus Messling) des 19. Jahrhunderts: Wissenschaftler nutzten koloniale Infrastruktur, erwarben, entwendeten oder raubten materielle Güter der Kolonisierten und stellten im Gegenzug ihre Forschung in die Dienste des Kolonialismus.
Unter den Objekten, die insbesondere im 19. und frühen 20. Jahrhundert nach Europa gelangten, gab es deshalb auch eine große Anzahl an Manuskripten und anderen beschriebenen Artefakten, die der Philologie als Material ihrer Forschung dienten. Diese schriftlichen Dokumente wurden aufgrund ihrer »Originalität« und »Unmittelbarkeit« als primäre Quellen zur Wissensgewinnung über die nicht-europäische Welt geschätzt. Ihre Aneignung und philologische Erforschung war für die Herausbildung, Entwicklung und Professionalisierung einer Reihe wissenschaftlicher Disziplinen prägend, die sich mit der außereuropäischen und damit in großen Teilen auch kolonialisierten Welt auseinandersetzten. Dies gilt für die klassische Altertumswissenschaft ebenso wie für die Orientalistik, die Indologie, die Assyriologie, die Äthiopistik, die Ägyptologie und andere verwandte Disziplinen der Kultur- und Geisteswissenschaften.
Die Bedeutung philologischer Methoden erklärt den Eifer und die Systematik mit der insbesondere im Laufe des 19. Jahrhunderts Manuskripte von Bibliotheken, Universitäten, Museen und Privatgelehrten erworben wurden. Der deutsche Philologe und Papyrologe Wilhelm Crönert bringt diesen systematischen Sammlerwahn 1901 in Bezug auf ägyptische Papyri euphorisch auf den Punkt: »Die Grenze dieses Suchens aber ist nicht der Gedanke: ›Ich habe nun genug,‹ sondern: ›Nun kann ich nichts mehr finden.‹«iii Ein Eindruck dieses unablässigen Sammelns lässt sich durch das in 173 Bänden sowie 52 Supplementbänden (Stand: Mai 2020) erschienene Verzeichnis der Orientalischen Handschriften in Deutschland (VOHD) gewinnen.iv Die Orientabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin besitzt allein 42000 Originalhandschriften.v
Natürlich ist die Geschichte dieser Manuskripte divers und komplex, und nicht alle Erwerbungen entstammen einem direkten kolonialen Kontext. Dennoch verschaffen diese Zahlen eine Vorstellung vom Ausmaß der Translokation schriftlicher Artefakte und somit von gigantischen Wissensbeständen nach Europa, die es europäischen Wissenschaftler:innen erst ermöglichte, Expert:innen für zeitlich und räumlich entfernte Menschen und deren Gesellschaften zu werden.vi
Das von der DFG an der Universität Hamburg im Rahmen des Exzellenzclusters »Understanding Written Artefacts« von 2020 bis 2023 geförderte Projekt »Colonized Manuscripts. The Provenance of Hamburg’s Papyrus Collection« versteht sich daher als Pilotstudie zu einer umfassenderen Aufarbeitung kolonialer Manuskripte in europäischen Sammlungen. Ausgangspunkt der Forschung ist das Argument, dass schriftliche Artefakte in der europäischen Aneignung materieller Güter außereuropäischer Provenienz eine zentrale Rolle spielten, dass ihre Beschaffung durch koloniale Strukturen ermöglicht, erleichtert beziehungsweise intensiviert wurde, und dass das aus der Forschung an den schriftlichen Dokumenten gewonnene Wissen wiederum koloniale Legitimationsstrukturen stützte und damit koloniale Zwecke erfüllte. Der Forschung zur Provenienz außereuropäischer Handschriftensammlungen an Bibliotheken und Universitäten fällt somit eine zentrale Rolle in der Aufarbeitung des
kolonialen Erbes wissenschaftlicher und kultureller Institutionen in Deutschland zu.
Ein Beispiel ist die Papyrus-Sammlung der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, die mehr als 1100 Papyrusfragmente unterschiedlichen Alters in diversen Sprachen und Schriften (vor allem Griechisch, Arabisch, Demotisch und Koptisch) umfasst (Abb.1 und 2). Die heterogene Sammlung wird durch die gemeinsame Provenienz der Stücke zusammengehalten: Alle Papyri stammen aus Ägypten. Hinzu kommt, dass der Großteil der Sammlung in einem relativ kurzen Zeitraum von 1906 bis 1914 durch die Aktivitäten des deutschen Papyrus-Kartells sowie über den in Kairo tätigen Ägyptologen Ludwig Borchardt nach Hamburg gelangte. In dieser Zeit war Ägypten ein koloniales Protektorat, das von einer britischen Militärregierung regiert wurde. Das ägyptische Antikenministerium wurde von französischen Beamten geleitet. Es waren also Europäer, die über die Ausfuhr ägyptischer Antiken entschieden. Die Hamburger Papyri haben somit einen kolonialen Kontext.

Beispielabbildung eines Papyrus

Papyrusfragment »Bittgesuch für pflegebedürftige Kinder« 926 n.Chr. Papyrus, 20,3×29,9 cm Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, Sign. P. Hamb. arab. 24 recto https://resolver.sub.uni-hamburg.de/kitodo/HANSh970 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de zugeschnitten

Provenienzforschung, insbesondere zu kolonialen Kontexten, hat mehr zu leisten als die Auflistung von Orten, an denen ein Objekt einst aufbewahrt wurde, oder von Personen, die dieses einst besaßen, damit handelten oder erforschten. In diesem Sinne untersuchen wir die Sammlungsmotivation und den Ablauf der Erwerbung von Papyri ebenso wie den Umgang mit den Manuskripten, also ihre Dokumentation, Konservierung, Erforschung und Wirkung. Das Projekt beleuchtet dabei die Rolle der Hamburger Papyrus-Sammlung in der lokalen Hamburger Wissenschaftslandschaft, versteht ihre Entstehung im Lichte nationaler Bestrebungen der möglichst umfassenden Erwerbung ägyptischer Papyri, und platziert ihre Sammlung im Kontext kolonialer Wissenschafts- und Kulturpolitik im modernen Ägypten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
Unsere Forschung macht deutlich, dass Papyri nicht nur Artefakte sind, die Auskunft geben über die Gesellschaften, die sie ursprünglich anfertigten. Vielmehr zeugen sie und andere Manuskripte heutzutage auch von den kolonialen Gesellschaften, die sie sammelten, verschifften, erforschten und (miss)brauchten. Die Hamburger Papyri sind kolonisierte Manuskripte. In den Beständen deutscher Bibliotheken sind sie damit bei Weitem nicht allein.

Jürgen Zimmerer und Jakob Wigand


Prof. Dr. Jürgen Zimmerer ist Professor für Globalgeschichte an der Universität Hamburg und leitet seit 2014 den Projektverbund »Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe«. Zusammen mit Jakob Wigand als Doktoranden und wissenschaftlichem Mitarbeiter bearbeitet er das Projekt »Colonized Manuscripts. The Provenance of Hamburg’s Papyrus Collection« der Universität Hamburg im Rahmen des von der DFG geförderten Exzellenz clusters »Understanding Written Artefacts«.

Die Erstpublikation des Artikels erschien in Provenienz & Forschung 1/2021 (https://www.sandstein.de/verlag/provenienz_1-2021.php, 10.08.2021).

Der Beitrag als pdf


Endnoten

i Vgl. Christoph Marx: »Völker ohne Schrift und Geschichte«. Zur historischer Erfassung des vorkolonialen Schwarzafrikas in der deutschen Forschung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1988; Eric Wolf: Europe and the People without History, Los Angeles 1982.
ii Markus Messling: Gebeugter Geist. Rassismus und Erkenntnis in der modernen europäischen Philologie, Göttingen 2016, S. 15.
iii Wilhelm Crönert: Denkschrift betreffend eine deutsche Papyrusgrabung, Bonn 1901, S. 31.
iv Vgl. https://adw-goe.de/forschung/forschungsprojekte-akademienprogramm/kohd/publikationsserie (9.12.2020).
v Vgl. https://staatsbibliothek-berlin.de/die-staatsbibliothek/abteilungen/orient/bestaende/handschriften (9.12.2020).
vi Vgl. Suzanne Marchand: German Orientalism in the Age of Empire. Religion, Race, and Scholar ship, New York 2009, S. XXV.