Im Mittelpunkt unserer neuen Blogserie von Diana Natermann stehen Fotografien aus der deutschen Kolonialzeit, von denen wir monatlich eine kleine Auswahl präsentieren werden. Die deutsche Kolonialfotografie ist nach wie vor ein wenig durchleuchtetes Feld, weswegen wir diese Gelegenheit nutzen möchten, Ihnen einen noch unerforschten Fotobestand aus dem Hamburger Museum für Völkerkunde zur öffentlichen Diskussion zur Verfügung zu stellen. Anhand jener Fotografien aus dem kolonisierten subsaharischen Afrika sollen Theorien der historischen Bildanalyse im Zusammenhang mit postkolonialen Theorien verbunden, zusammen analysiert und diskutiert werden. Wir freuen uns auf Ihre Beiträge.

Diskutieren Sie mit und benutzen sie dazu die Kommentarfunktion unter dem Text!

 

Bild 1: Of Dogs and Men

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Quelle: Die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“, unter der Leitung von Prof. Dr. J. Zimmerer, und das Hamburger Museum für Völkerkunde erarbeiten derzeit mit einem interdisziplinären Team die Fotosammlung der sogenannten Mecklenburg-Expedition nach Zentralafrika von 1910/11. Aus diesem Bestand stammt die Bildquelle (Signatur: Innerafrika-o.Nr.012)

 

Die deutsch-afrikanische Kolonialfotografie ist, im Gegensatz zur Fotografie aus der Zeit des Dritten Reiches oder der DDR, ein von der deutschen Geschichtsforschung und Visual History oft stiefmütterlich behandeltes Thema. Dabei ist die Kolonialfotografie nicht nur reich an Informationen, Deutungsmöglichkeiten, Motivvielfalten und aus technischer Sicht interessant, sondern sie diente den zeitgenössischen Fotografen auch als Identität übertragendes Ventil.

Übliche Fotomotive der deutschen und europäischen Kolonialzeit zeigen zumeist Jagderfolge von weißen Kolonialisten, ethnologische Studien der Kolonisierten oder Landschaftsbilder aus den Kolonien. Doch was ist mit jenen Bildquellen, die den üblichen Rahmen sprengen und den Betrachter mit einer ungewöhnlichen Darstellung herausfordern? Es stellt sich die Frage, was passiert wenn ein grafisches Zeitzeugnis nicht den damaligen Gepflogenheiten entspricht oder wenn zum menschlichen Objekt ein tierisches hinzugefügt wurde. Wie geht der Betrachter mit der Verbindung von historischem Wert der Fotografie, ihrer Komposition und der vermeintlichen Aussageabsicht des Fotografen um? Und in welchem Ausmaß verhelfen einem postkoloniale Ansätze und Theorien in der Analyse einer fotografischen Quelle mit historischer Bedeutung?

Wendet ein Betrachter der obigen Fotografie die Bildquellenanalyse nach Panofsky/Wohlfeil

[i] an, fällt ihm/ihr bei der ersten und vor-ikonografischen Ansicht umgehend eine Gruppe von afrikanischen und europäischen Männern sowie mehrere Hunde auf. Alle befinden sich bei Tageslicht an Deck eines Schiffes und sie posieren gemeinsam für die Aufnahme. Bei der darauffolgenden ikonografisch-historischen Analyse ist eine tiefergehende Interpretation erwünscht, die sich mit Mitteilungsabsicht und Komposition des Bildes sowie mit Entstehungszeitpunkt und historischem Rahmen beschäftigt. An diesem Punkt möchte ich ansetzen.

Die hier zu besprechende Bildquelle wurde im Sommer 1910 aufgenommen und stellt eine Männergruppe auf dem Schiffsdeck der ´Eleonore Woermann´ dar, kurz bevor die Gruppe von Hamburg aus nach Buea, Kamerun, aufbrach. Die Gruppe besteht aus dem Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg, der sich gemeinsam mit seinen Expeditionsmitgliedern, „Boys“[ii] und Hunden auf den Weg gen Zentralafrika machte, um dort einer eineinhalb-jährigen Expedition durch deutsche, belgische und französische Kolonialgebiete nachzugehen. Das Ziel der Reise war die Erforschung von Gebieten rund um den Tschadsee, in Kamerun, dem Kongofluss, im Ubangi-Schari-Gebiet und Teilen des Sudan. Ein besonderes Augenmerk lag auf dem Zusammentragen ethnologisch und zoologisch wertvoller Gegenstände, welche im Auftrag des Hamburger Völkerkundemuseums sowie des Senckenberg Museums und des Völkerkundemuseums in Frankfurt gesammelt wurden. Diese Sammelobjekte waren in der Regel Alltagsgegenstände verschiedener ethnischer Gruppen, die den Expeditionsmitgliedern im Laufe der Reise begegneten. Komplette Insekten, Vögel und Säugetierfelle wurden auch gesammelt. Neben der Sammlungstätigkeit waren Foto- und Filmaufnahmen ebenso Bestandteil der Forschungsreise.

Offensichtlich gutgelaunt und voller Vorfreude begaben sich die deutschen Herren – Herzog zu Mecklenburg sitzt ganz oben auf der Treppe – mit den afrikanischen „Boys“ und europäischen Jagdhunden auf den Seeweg und als Andenken wurde der obige Moment festgehalten.

Das Bild passt allerdings stilistisch nicht in den sonst üblichen Kanon von Kolonialaufnahmen, denn die erwartete Hierarchie der Personen wurde nicht eingehalten. Daher frage ich Sie, als BetrachterIn: Was war Ihr erster Eindruck? Welcher Aspekt erweckte zuerst Ihre Aufmerksamkeit? Erkennen Sie den Zusammenhang zwischen dem Titel dieses Blogeintrags und der zur Diskussion stehenden Fotografie?

Das hiesige Ziel ist es, die Analyse einer historischen Bildquelle mit postkolonialen Theorien in Verbindung zu bringen und somit neue Forschungsansätze zu testen und zu gestalten. Wie würden Sie bei diesem konkreten Beispiel vorgehen? Ich freue mich auf Ihre Ideen und lade Sie dazu ein, mitzudiskutieren.

Dr. Diana Natermann

 

[i] Die Bildquellenanalyse nach Panofsky/Wohlfeil gilt als Standardmethode zur Untersuchung einer historischen Bildquelle. „Die erste Analysestufe […] Ist die vor-ikonographische Beschreibung. [Sie] erfasst deskriptiv die dargestellten Bildinhalte und ihre formale Ordnung. Die zweite Stufe umfasst eine ikonographisch-historische Analyse. Analog zu Panofsky steht der künstlerisch intendierte Sinn des Werkes im Vordergrund, wobei Wohlfeil auch das gesellschaftliche Umfeld, in dem ein Werk entstanden ist, analysiert. Die dritte Analysestufe interpretiert den historischen Dokumentensinn. Dabei wird analog zu Panofsky das Bild als Ausdruck einer historischen Mentalität und als Spiegel einer epochenspezifischen Kultur gedeutet. Gefragt wird einerseits nach dem sozialen und kulturellen Kontext, der sich im Kunstwerk spiegelt, andererseits danach, wie die künstlerische Aussage auf den historischen Kontext einwirkte.“ Martin Lengwiler, Praxisbuch Geschichte: Einführung in die historischen Methoden. Zürich: Orell Füssli, 2011 (UTB : Geschichte, Politikwissenschaft; 3393), 140.

[ii] Der Begriff „Boys“ war ein zeitgenössischer Kolonialbegriff, der aus britischen Kolonialkreisen u.a. auch in den deutschen Sprachgebrauch eingeflossen war und einen bestimmten Berufsstand darstellte. Es ist zu beachten, dass es sich hierbei um einen höchst rassistischen Begriff handelt, der trotzdem Aufgrund seiner historischen Verwendung und späteren Anerkennung als Fachwort hier unter Vorwand verwendet wird.