Der Filmtitel „Heimat Tansania“ verheißt nichts Gutes. Schon im einleitenden Kommentar der NDR-Produktion von 2016 bestätigt sich diese unheilvolle Prophezeiung. In Tansania habe „die Zivilisation vor der Natur haltgemacht“ erklärt der Sprecher. Als Beweis dafür entwirft der Dokumentarfilm über 45 Minuten ein Bild des ostafrikanischen Landes, das die einheimische „wilde Natur Tansanias“ der „Zivilisation“ entgegensetzt, die angeblich von deutschen Kolonialherren ins Land gebracht wurde. Um die Dichotomie zwischen afrikanischer Natur und deutscher Zivilisation durchgehend aufrecht zu erhalten, kombiniert die Regie in sehr unbeholfener Weise das Genre des Afrika-Tierfilms mit dem eines kolonialverherrlichenden „Dokumentarfilms“. Safariromantik trifft Kolonialnostalgie.

Die Kombination von Großwildfaszination und Kolonialsehnsucht ist kein Gegensatz. Sie bestätigt ein ein Bild von Afrika, das sich Europäer seit dem neunzehnten Jahrhundert machen. Es unterstellt dem afrikanischen Kontinent Primitivität und Entwicklungsunfähigkeit, und reduziert ihn auf ein Reservat der Anti-Zivilisation, einen Ort wo die Wildnis sich gegen die Zivilisation behauptet. Die narrative Verbindung zwischen Tierwelt und Zivilisierungsmission schafft der Film, indem er eingangs eine deutsche Veterinärin vorstellt, die sich am Kilimanjaro tansanischen Wilddieben entgegenstellt. Zusammen mit ihrem Partner versorgt sie Tiere, die in Fangfallen geraten sind und sich dabei verletzt haben. In der inszenierten Eröffnungssequenz bittet ein tansanisches Kind das deutsche Tierarztpaar um Hilfe, einen „jungen Kaffernbüffel“ aus einer Falle zu befreien. Solche zivilisierungsmissionarischen Motive sind der postkolonialen Forschung wohlbekannt. Sie suggerieren die Unmündigkeit der Afrikaner, porträtieren sie als hilflose Kinder und stellen die Europäer als deren paternalistische Retter dar. Es dauert nicht lange, bis die Protagonisten im Film selbst eine Parallele zu Sendungen wie Daktari ziehen, die seit den 1960er Jahren eine Spätversion der „weißen“ Zivilisierungmission in Afrika darstellten.

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Aufnahme aus der Perspektive des „afrikanischen Kindes“, das die europäischen Tierärzte um Hilfe bittet (Standard YouTube License)

Als Beweis für das Verharren in der Rückständigkeit führt der Film nicht nur die Fauna des Landes an, sondern auch „das Volk der Massai“, das angeblich „seinen Traditionen treu geblieben ist“. „Hier hat sich das Leben seit Generationen kaum verändert“ unterstellt ihnen der Sprecher. Natürlich werden als Beleg ländliche Gegenden im Inneren Tansanias gezeigt und nicht die florierende Stadtkultur an der Küste. Aber selbst hier stehen die Suggestionen der Rückständigkeit im Kontrast zu den gezeigten Szenen: Als zwei junge Massai auf der Suche nach geeignetem Weideland für ihre Rinder das Handy zu ihrem wichtigsten Begleiter machen und darauf abends Musik hören, gibt sich der Kommentator überrascht, dass statt den „traditionellen Speeren“ die Handys im Mittelpunkt ihres Lebens stehen. Im typischen und höchst problematischen ethnographischen Blick stellen die Filmautoren trotzdem einzelne Rituale (zum Beispiel der rituellen Weidelandsuche) als strukturell verankerte und unveränderbare Traditionen dar. Damit verfälschen sie das Bild von der tansanischen Gesellschaft, die sich – wie das Beispiel der Handys zeigt – sehr wohl verändert hat und ganz anders ist als die ethnographischen Filmemacher es offenbar gerne hätten.

Die Tierärzte in „Heimat Tansania“ leben in einem Haus, das 1934 von deutschen Siedlern gebaut wurde. Immer wieder bedauert der Sprecher im Film, dass die „Errungenschaften“ dieser Siedler dem Verfall preisgegeben wurden. „Vor über hundert Jahren kamen Deutsche hierher, bauten Eisenbahntrassen und Städte wie in der Heimat“. In den Häusern der ehemaligen Siedler würden „Einheimische“ nun aber am Boden statt mit dem Ofen kochen. Obwohl es noch Wasserhähne in den Häusern gibt, habe es nur zu deutschen Zeiten fließendes Wasser gegeben. Schließlich beklagen sich die Drehbuchautoren, die von „den Deutschen“ erbaute Usambara-Eisenbahnstrecke sei von den Tansaniern vernachlässigt und schließlich stillgelegt worden. Die Stilllegung erscheint im Film als entscheidender Bruch mit der zivilisierten Kolonialvergangenheit. Keine Rede ist davon, dass die Bahn nicht von Deutschen, sondern von tansanischen Zwangsarbeitern gebaut wurde. Dass es neuere Zugverbindungen aus dem 1970er Jahren gibt wird erwähnt, aber durch den Hinweis auf die Unverlässlichkeit der Bahn relativiert.

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Filmszene: ein tansanischer Bediensteter bedient europäische Gäste (Standard YouTube License)

Was die Macher des Fernsehfilms „Heimat Tansania“ zu solchen Aussagen bewegt, ist weniger Naivität als purer Zynismus. Die koloniale Vergangenheit wird wider besseren Wissens als positiv dargestellt und die postkoloniale Gegenwart ist negativ konnotiert. Die paternalistische Terminologie ist problematisch und immer zivilisierungsmissionarisch geprägt. Die Aussagen verfälschen wissentlich Tatsachen und die extrem selektive Wahrnehmung dient dazu, Tansania als rückständiges Land zu definieren. Aus all diesen Gründen ist der Film inakzeptabel.  Umso enttäuschender ist es, dass Arte diesen Film zeigt, und im Anrisstext in den Chor der Kolonialnostalgiker einstimmt. Dort wird das koloniale Erbe Tansanias der Zivilisation zugeschrieben und einem „anderen Tansania, fernab der Zivilisation“ gegenübergestellt. Das Leid der Kolonisierten wird dabei mit keinem Wort erwähnt. Dieses Verschweigen lässt das Fazit des Films, in dem die Autoren den  Rückgang des Wildbestandes in Tansania beklagen, nicht nur absurd, sondern vor allem zynisch erscheinen. Es ist dieser Zynismus gegenüber den Opfern der kolonialen Herrschaft, der den Film besonders unerträglich macht. Trotzdem ist er bis Anfang September in der Arte Mediathek zu sehen.

Von Florian Wagner

Bis 1.9. ist der Film in der Arte Mediathek zu sehen

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