Was verbindet Hamburg mit der Sklaverei? Hätte man diese Frage im 19. Jahrhundert den Eliten der Stadt gestellt, wäre die Antwort wohl zumeist gewesen: „‚kein Hamburger, kein deutsches Schiff treibt Sklavenhandel‘“.[1] Die Verschleppung afrikanischer Menschen über den Atlantik galt mit den Werten der Stadt als nicht vereinbar. Höchstens umgekehrt hätte der eine oder die andere vielleicht über die Gefahren der Gefangennahme und Versklavung lamentiert, die Hamburger Seeleuten selbst aus den Barbareskenstaaten drohten, wenn sie etwa im Mittelmeerraum unterwegs waren – sogenannte Sklavenkassen entstanden, um die Betroffenen in Nordafrika freizukaufen.[2] Doch das für Millionen afrikanischer Menschen verheerende System der transatlantischen Sklaverei, das den westeuropäischen Kolonialmächten enorme Profite einbrachte und die Kolonisierung des amerikanischen Doppelkontinents erlaubte, war welt- wie lokalhistorisch in Hamburg weit bedeutender.

Auch in der älteren Forschung fand die Verbindung von Hamburg zum Sklavenhandel jedoch kaum Aufnahme: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts galt Hamburgs jahrhundertealte Bedeutung für Überseehandel und Kolonialismus zwar als etwas, worauf die Stadt stolz sein könne, doch die Beteiligung an der Sklaverei wurde tendenziell verschwiegen.[3] Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgten langsam erste Beiträge zu einer kritischen Auseinandersetzung.[4] Angesichts der ‚kolonialen Amnesie‘[5], der weitgehenden Ausblendung der eigenen Rolle im Kolonialismus in Deutschland, fanden diese Forschungsbeiträge jedoch in der Öffentlichkeit wenig Beachtung. Erst in den letzten gut 20 Jahren wuchs das allgemeine Interesse etwa in Folge der Auseinandersetzung um den Umgang mit dem in der Stadt vielfach geehrten Heinrich Carl von Schimmelmann.[6]

Schimmelmann ist heute auch das bekannteste Beispiel dafür, dass die Selbstdarstellung des 19. Jahrhunderts eben nicht zutrifft. Oder wie er selbst es formulierte: „Der Sklavenhandel liegt mir sehr am Herzen“.[7] Es gab eine nicht unerhebliche deutsche Beteiligung, teils direkt an den Versklavungsfahrten, aber in viel größerem Ausmaß indirekt: Vom 16. bis ins 19. Jahrhundert produzierten Deutsche Waren wie Stoffe, Metalle, Werkzeuge und vieles mehr, welche westeuropäische Kaufleute an der Westküste Afrikas als Handelsgut nutzten oder auf den Plantagen in den Amerikas verwendeten – und umgekehrt nahmen deutsche Kaufleute ebenso lange die Waren aus der versklavungsbasierten Plantagenwirtschaft wie Zucker, Kaffee und weitere entgegen. Meist erfolgten diese Geschäfte zwar als Zwischenhandel von den Hafenstädten der westeuropäischen Kolonialmächte bis ins deutsche ‚Hinterland‘ nachdem Schiffe aus dem jeweiligen Land den Atlantik gekreuzt hatten. Doch in Hamburg als wichtigem Knotenpunkt bedeutete dies trotzdem Profite aus der Sklaverei für deutsche Kaufleute.[8]

Während die Beteiligung Hamburgs am transatlantischen Versklavungshandel und dem System der Plantagenwirtschaft also mittlerweile besser erforscht ist, fehlt für viele zusammenhängende Themen eine vergleichbare Einordnung. Denn während im Lauf des 19. Jahrhunderts die formelle Sklaverei in den Amerikas zurückging, gewannen andere Formen der Unfreiheit in alten und neu kolonisierten Gebieten an Bedeutung. Wenig Forschung findet sich etwa zur Hamburger Beteiligung am sogenannten ‚Kulihandel‘ und ‚Blackbirding‘ – dem oft mit Gewalt oder Täuschung verbundenen Transport von Menschen aus Asien beziehungsweise von den Pazifikinseln zur Plantagenarbeit. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts profitierten Hamburger Kaufleute, Reedereien und Plantagenunternehmen von dieser unfreien Arbeit. In dieser Zeit, vor der Gründung des Deutschen Reichs 1871 und des Kolonialreichs 1884/85, agierte Hamburg weitgehend unabhängig, mit zwar großem wirtschaftlichen Einfluss, aber ohne große politische oder militärische Relevanz. Verschiedenen bedeutenden Akteuren aus der Stadt gelang es trotzdem, in der europäischen kolonialen Einflusssphäre durch das Prinzip des freien Handels Fuß zu fassen. Diesen Zusammenhang soll in den nächsten Jahren mein Forschungsprojekt unter dem Titel ‚freier Handel, unfreie Arbeit‘ detaillierter beleuchten.

In der Blogreihe zu ‚Hamburg und die Sklaverei‘ werden in den nächsten Wochen insgesamt 10 Beiträge erscheinen, die einen Überblick über das Thema von etwa 1600 bis 1900 bieten.

Bisher erschienen:

Hamburg und die Sklaverei (1): Eine schwerwiegende Verbindung

Hamburg und die Sklaverei (2): Unter fremden Flaggen

Hamburg und die Sklaverei (3): Der Kolonialunternehmer

Hamburg und die Sklaverei (4) – Schwarze Menschen im frühneuzeitlichen Hamburg


[1] So wird die Hamburger Haltung wiedergegeben in: Münchener politische Zeitung, Nr. 118, Dienstag, 18.5.1841, S. 634, online unter: https://books.google.de/books?id=zEBFAAAAcAAJ. Siehe dazu auch Lentz, Sarah, “No German Ship Conducts Slave Trade!” The Public Controversy about German Participation in the Slave Trade during the 1840s, in: Beyond Exceptionalism. Traces of Slavery and the Slave Trade in Early Modern Germany, 1650–1850, hrsg. v. Rebekka von Mallinckrodt / Josef Köstlbauer / Sarah Lentz, Berlin 2021, S. 287–311, hier S. 289.

[2] Ressel, Magnus, Zwischen Sklavenkassen und Türkenpässen. Nordeuropa und die Barbaresken in der Frühen Neuzeit, Berlin 2012.

[3] Etwa mit nur andeutender Erwähnung: Sieveking, Heinrich, Das Handlungshaus Voght und Sieveking, in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 17 (1912), S. 54–128, hier S. 76.

[4] Grundlegend: Degn, Christian, Die Schimmelmanns im atlantischen Dreieckshandel. Gewinn und Gewissen, Neumünster 1974.

[5] Für das Konzept siehe Zimmerer, Jürgen, Kolonialismus und kollektive Identität: Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte, in: Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte, hrsg. v. Jürgen Zimmerer, Frankfurt am Main [u.a.] 2013, S. 9–37, hier S. 9.

[6] Siehe etwa Schellen, Petra, Altona, gebaut aus Sklaven-Gold, in: taz, 12. 6. 2017, online unter: https://taz.de/Norddeutsche-Kolonialgeschichte/!5416050/.

[7] Zitiert nach Degn, Schimmelmanns, S. 161.

[8] Zum Begriff des ‘Hinterland‘ in diesem Zusammenhang: Brahm, Felix / Eve Rosenhaft, Introduction. Towards a Comprehensive European History of Slavery and Abolition, in: Slavery Hinterland. Transatlantic Slavery and Continental Europe, 1680–1850, hrsg. v. Felix Brahm / Eve Rosenhaft, Woodbridge, Rochester 2016, S. 1–23.